Hintergrundinformation

Schizophrenie – Oft nicht rechtzeitig erkannt

Schizophrenie ist eine Krankheit, die uns alle angeht: In Deutschland erkranken etwa 800 000 Menschen – das ist rund ein Prozent der Bevölkerung – mindestens einmal im Leben an einer Schizophrenie, die meisten erstmals zwischen dem 18. und dem 35. Lebensjahr. Bereits lange bevor die Krankheit ihren ersten Höhepunkt erreicht, macht sie sich bemerkbar. Bei 75 Prozent der Betroffenen werden schon Jahre zuvor Veränderungen im subjektiven Erleben und Verhaltensauffälligkeiten registriert, jedoch nicht rechtzeitig als Prodrome (Frühsymptome) einer Schizophrenie erkannt. Oft werden sie auch als vorübergehende Krisen, neurotische Konfliktreaktionen und andere psychische Störungsformen fehl gedeutet. Tritt die Krankheit in ihre akute Phase, ist meist bereits viel wertvolle Zeit verstrichen. Je früher eine sachgemäße Therapie einsetzt, desto besser sind die Chancen für einen günstigen Krankheitsverlauf.

Ursachen: Erst teilweise bekannt

Eine schizophrene Psychose äußert sich vor allem in Realitätsverlust mit Wahnideen und Halluzinationen, Identitätsstörungen und sozialem Rückzug. Die Symptome werden in Positiv- und Negativsymptomatik unterschieden. Zu den positiven Symptomen zählen u.a. Denkstörungen, das Gefühl der Gedankeneingebung und das Stimmenhören, während negative Symptome durch eine Verminderung der Motivation und des Gefühlsausdrucks gekennzeichnet sind. Als sicher gilt inzwischen, dass eine genetische Veranlagung zur Erkrankung beiträgt. Auch eine durch Schädigung vor oder während der Geburt erworbene biologische Disposition wird diskutiert. In späteren Lebensjahren kann diese unter Einfluss von biopsychosozialen Faktoren wie Stress zur akuten Erkrankung führen. Entsprechend geht das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Krankheitsmodell davon aus, dass das Zusammenwirken von individueller Vulnerabilität (= Verletzlichkeit), Stressoren und mangelnde Bewältigungsmechanismen (Coping) entscheidend für den Krankheitsausbruch sind.

Verlauf: Häufig chronisch

Schizophrenie tritt selten nur einmal auf. Meist verläuft sie in mehreren Episoden und wird nicht selten chronisch. Zwei Drittel der Patienten erkranken mehrmals. Bei vielen kommt es zu bleibenden Beeinträchtigungen, oftmals verbunden mit sozialem Abstieg.

Behandlung: Gute Chancen zur Besserung und Rückfallverhütung einerseits – viele offene Fragen andererseits

Inzwischen stehen diverse medikamentöse und psychosoziale Therapiemöglichkeiten für die Akut- und Langzeitbehandlung zur Auswahl. Mit ihnen ist es in ca. 70 Prozent der Fälle möglich, die (Positiv-)Symptome zum Abklingen zu bringen und Rückfälle zu verhindern.

Mehrere Faktoren setzen den Behandlungsmöglichkeiten allerdings Grenzen: Keine Therapie wirkt 100prozentig (Nonresponse); nicht selten verschließen sich aber auch Patienten wie Angehörige den empfohlenen Therapiemöglichkeiten (Noncompliance bzw. Nonadhärenz), zum Teil wegen befürchteter oder tatsächlicher Nebenwirkungen, zum Teil aber auch, weil sich Krankheitsvorstellungen und Therapieerwartungen nicht mit den gesicherten Therapiemöglichkeiten decken.

Besondere therapeutische Herausforderungen stellen die Negativ-Symptome, die auf eine antipsychotische Behandlung nur sehr bedingt ansprechen, kognitive und emotionale Defizite u.a. im Erkennen und Deuten des mimischen Ausdrucks (ein erhebliches Problem für die soziale Interaktion) und trotz Behandlung fortbestehende Positiv-Symptome dar. Zudem fehlen noch weitgehend Indikatoren, um eine möglichst individualisierte Therapie anbieten zu können.

Daraus ergeben sich auch Ansätze für zukünftige Projekte in der Schizophrenieforschung, die das Ziel haben, die Therapie zu optimieren u.a. auch durch die Identifikation von Faktoren, die ein möglichst individuelles Herangehen erlauben. Ein Schritt in diese Richtung ist die Forschung zur Pharmakogenetik, um schon im Voraus prognostizieren zu können, welcher Patient auf welche Therapie und welches Medikament ansprechen wird. Untersuchungen im Rahmen des KNS konnten eine erste Annäherung an das Ziel, wichtige Genvarianten zu identifizieren, die das Ansprechen bestimmter Symptome auf die Behandlung beeinflussen, liefern. So konnte für eine bestimmte Genkonstellation gezeigt werden, dass Patienten mit eben dieser bezüglich der Negativsymptomatik ein besseres Ansprechen als die übrigen Patienten zeigten. Bei diesem Gen handelt es sich um eine wichtigen Rezeptor für Serotonin, einen wichtigen Botenstoff im Gehirn und mitverantwortlich für das Entstehen von Emotionen und Angst- und Glücksgefühlen. Im Hinblick auf die Positivsymptomatik wurde ein Gen entdeckt, das das Ansprechen auf die Behandlung beeinflusst. Es handelt sich um das Zink-Finger-Gen ZNF804A, dessen genaue Funktion noch nicht bekannt ist.

Stigmatisierung und sozialer Abstieg

Schizophrenie zählt zu den zehn Krankheiten, die für die Betroffenen die größte Anzahl an verlorenen Lebensjahren mit sich bringen. Selbst bei optimaler Therapie sind viele Patienten aufgrund ihrer Erkrankung erwerbsunfähig und auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Bei einer Reihe von Patienten bleiben die Symptome bestehen (Chronifizierung), was zu ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung und Vereinsamung beiträgt. Etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Patienten begehen innerhalb der ersten zehn Jahre nach dem Krankheitsausbruch Suizid. Die vorhandenen Therapiemöglichkeiten werden immer noch zu wenig oder nicht differenziert genug genutzt. So bleibt Schizophrenie eine schwere Belastung für die Patienten, ihre Angehörigen und die gesamte Gesellschaft. Die Geschwister und Kinder von Schizophreniepatienten haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst an einer schweren psychischen Störung zu erkranken (im Mittel bis zu fünf- bis zehnmal höher als bei Personen ohne familiären Bezug zur Schizophrenie).

Erschwerend kommt hinzu, dass gerade das Krankheitsbild der Schizophrenie mit vielen Vorurteilen belastet ist, was zur Stigmatisierung und Diskriminierung der Betroffenen führt. Diese Tatsache beeinflusst in einem nicht unerheblichen Maße auch das Hilfesuchverhalten, d.h. es wird zu spät oder gar nicht professionelle Hilfe in Anspruch genommen, was die Prognose negativ beeinflusst.

Wissen hilft

Es hat sich gezeigt, dass gut informierte Angehörige durch ihr Verständnis über den Krankheitsverlauf einer Schizophrenie nicht nur eine Hilfe für Patienten sind, sondern auch eigene Stressbelastungen besser bewältigen können. In der Therapie hat sich eine solche so genannte Psychoeduktion zu einem festen Bestandteil des Behandlungsplans herausgebildet. Sie zielt auf eine therapeutisch angeleitete Wissensvermittlung über die Krankheit, ihre Behandlung und Möglichkeiten der Selbsthilfe und wendet sich dabei sowohl an Angehörige als auch an Patienten. Angebote für psychoedukative Gruppen finden sich in erster Linie in den psychiatrischen Kliniken.

Eine weitere Form der Unterstützung stellen Psychoseseminare dar. Sie ermöglichen es den Betroffenen, ihren Angehörigen und den Ärzten die jeweils unterschiedlichen Sichtweisen auf das Krankheitsbild, Krankheitserleben und Behandlung kennen zu lernen und das Verständnis füreinander zu fördern. Ein Ergebnis des Gesprächs können Krisenvereinbarungen sein, die zwischen Angehörigen und Betroffenen geschlossen werden, um bei einer sich anbahnenden Psychose Hilfe leisten zu können, die notfalls auch eine Krankenhauseinweisung beinhalten kann.

Die teuerste psychische Erkrankung

Schizophrenie belastet das Gesundheits- und Sozialsystem der Bundesrepublik Deutschland mit rund 4-9 Mrd. EUR pro Jahr. Sie ist damit die teuerste psychische Erkrankung. Ihre direkten und indirekten Kosten sind mit denen vergleichbar, die durch Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen entstehen.