KNS Forschung gestern-heute-morgen

Die Forschungsthemen ergeben sich aus den verschiedenen Faktoren und Phasen der Krankheitsentwicklung.
Bei Gründung des KNS konzentrierte sich die in Projektverbünden organisierte Forschung auf die Frühphase der Erkrankung, d.h. Früherkennung und-intervention einerseits und  Akut- und Langzeitbehandlung einer Erstmanifestation andererseits.

Zudem wurde in speziellen Projektverbünden zur Molekulargenetik und Hirnmorphologie geforscht.

Verbundübergreifende Forschungsthemen waren initial Gesundheitsökonomie, Qualitätssicherung, Destigmatisierung/Öffentlichkeitsaufklärung, Dokumentation und Methodik.

Zukünftige Forschungsprojekte orientieren sich an dem Ziel der Therapieoptimierung durch Identifikation von Faktoren, die eine möglichst individualisierte Therapie ermöglichen.

Zudem wird die Versorgungsforschung an Bedeutung gewinnen.

Schizophrenie: Kandidatenareale
für Emotionen und Kognitionen

 Hintergrund

 Zielsetzung

 Forschungsfokus

Hintergrund

Diagnose: Oft nicht rechtzeitig erkannt
Schizophrenie ist eine Krankheit, die uns alle angeht: In Deutschland erkranken etwa 800 000 Menschen – das ist rund ein Prozent der Bevölkerung – mindestens einmal im Leben an einer Schizophrenie, die meisten erstmals zwischen dem 18. und dem 35. Lebensjahr. Bereits lange bevor die Krankheit ihren ersten Höhepunkt erreicht, macht sie sich bemerkbar. Bei 75 Prozent der Betroffenen werden schon Jahre zuvor Veränderungen im subjektiven Erleben und Verhaltensauffälligkeiten registriert, jedoch nicht rechtzeitig als Prodrome (Frühsymptome) einer Schizophrenie erkannt. Oft werden sie auch als vorübergehende Krisen, neurotische Konfliktreaktionen und andere psychische Störungsformen fehl gedeutet. Tritt die Krankheit in ihre akute Phase, ist meist bereits viel wertvolle Zeit verstrichen. Je früher eine sachgemäße Therapie einsetzt, desto besser sind die Chancen für einen günstigen Krankheitsverlauf.

Ursachen: Erst teilweise bekannt
Eine schizophrene Psychose äußert sich vor allem in Realitätsverlust mit Wahnideen und Halluzinationen, Identitätsstörungen und sozialem Rückzug. Die Symptome werden in Positiv- und Negativsymptomatik unterschieden. Zu den positiven Symptomen zählen u.a. Denkstörungen, das Gefühl der Gedankeneingebung und das Stimmenhören, während negative Symptome durch eine Verminderung der Motivation und des Gefühlsausdrucks gekennzeichnet sind. Als sicher gilt inzwischen, dass eine genetische Veranlagung zur Erkrankung beiträgt. Auch eine durch Schädigung vor oder während der Geburt erworbene biologische Disposition wird diskutiert. In späteren Lebensjahren kann diese unter Einfluss von biopsychosozialen Faktoren wie Stress zur akuten Erkrankung führen. Entsprechend geht das Vulnerabilitäts-Stress-Coping-Krankheitsmodell davon aus, dass das Zusammenwirken von individueller Vulnerabilität (= Verletzlichkeit), Stressoren und mangelnde Bewältigungsmechanismen (Coping) entscheidend für den Krankheitsausbruch sind.

Verlauf: Häufig chronisch
Schizophrenie tritt selten nur einmal auf. Meist verläuft sie in mehreren Episoden und wird häufig chronisch. Zwei Drittel der Patienten erkranken mehrmals. Bei vielen kommt es zu bleibenden Beeinträchtigungen, oftmals verbunden mit sozialem Abstieg.

Behandlung: Gute Chancen zur Besserung und Rückfallverhütung
Inzwischen stehen diverse medikamentöse und psychosoziale Therapiemöglichkeiten für die Akut- und Langzeitbehandlung zur Auswahl. Mit ihnen ist es in ca. 70 Prozent der Fälle möglich, die Symptome zum Abklingen zu bringen und Rückfälle zu verhindern.

 Mehrere Faktoren setzen den Behandlungsmöglichkeiten allerdings Grenzen: Keine Therapie wirkt 100prozentig (Nonresponse); nicht selten verschließen sich aber auch Patienten wie Angehörige den empfohlenen Therapiemöglichkeiten (Noncompliance), zum Teil wegen befürchteter oder tatsächlicher Nebenwirkungen, zum Teil aber auch, weil sich Krankheitsvorstellungen und Therapieerwartungen nicht mit den gesicherten Therapiemöglichkeiten decken.

 
Stigmatisierung und sozialer Abstieg
Schizophrenie zählt zu den zehn Krankheiten, die für die Betroffenen die größte Anzahl an verlorenen Lebensjahren mit sich bringen. Selbst bei optimaler Therapie sind viele Patienten aufgrund ihrer Erkrankung erwerbsunfähig und auf öffentliche Unterstützung angewiesen. Bei einer Reihe von Patienten bleiben die Symptome bestehen (Chronifizierung), was zu ihrer gesellschaftlichen Ausgrenzung und Vereinsamung beiträgt. Etwa zehn bis fünfzehn Prozent der Patienten begehen innerhalb der ersten zehn Jahre nach dem Krankheitsausbruch Suizid. Die vorhandenen Therapiemöglichkeiten werden immer noch zu wenig oder nicht differenziert genug genutzt. So bleibt Schizophrenie eine schwere Belastung für die Patienten, ihre Angehörigen und die gesamte Gesellschaft. Die Geschwister und Kinder von Schizophreniepatienten haben ein deutlich erhöhtes Risiko, selbst an einer schweren psychischen Störung zu erkranken (im Mittel bis zu fünf- bis zehnmal höher als bei Personen ohne familiären Bezug zur Schizophrenie).
Erschwerend kommt hinzu, dass gerade das Krankheitsbild der Schizophrenie mit vielen Vorurteilen belastet ist, was zur Stigmatisierung und Diskriminierung der Betroffenen führt. Diese Tatsache beeinflusst in einem nicht unerheblichen Maße auch das Hilfesuchverhalten, d.h. es wird zu spät oder gar nicht professionelle Hilfe in Anspruch genommen, was die Prognose negativ beeinflusst.

Wissen hilft
Es hat sich gezeigt, dass gut informierte Angehörige durch ihr Verständnis über den Krankheitsverlauf einer Schizophrenie nicht nur eine Hilfe für Patienten sind, sondern auch eigene Stressbelastungen besser bewältigen können. In der Therapie hat sich eine solche so genannte Psychoeduktion zu einem festen Bestandteil des Behandlungsplans herausgebildet. Sie zielt auf eine therapeutisch angeleitete Wissensvermittlung über die Krankheit, ihre Behandlung und Möglichkeiten der Selbsthilfe und wendet sich dabei sowohl an Angehörige als auch an Patienten. Angebote für psychoedukative Gruppen finden sich in erster Linie in den psychiatrischen Kliniken.

Eine weitere Form der Unterstützung stellen Psychoseseminare dar. Sie ermöglichen es den Betroffenen, ihren Angehörigen und den Ärzten die jeweils unterschiedlichen Sichtweisen auf das Krankheitsbild, Krankheitserleben und Behandlung kennen zu lernen und das Verständnis füreinander zu fördern. Ein Ergebnis des Gesprächs können Krisenvereinbarungen sein, die zwischen Angehörigen und Betroffenen geschlossen werden, um bei einer sich anbahnenden Psychose Hilfe leisten zu können, die notfalls auch eine Krankenhauseinweisung beinhalten kann.


Die teuerste psychische Erkrankung
Schizophrenie belastet das Gesundheits- und Sozialsystem der Bundesrepublik Deutschland mit rund 4-9 Mrd. EUR pro Jahr. Sie ist damit die teuerste psychische Erkrankung. Ihre direkten und indirekten Kosten sind mit denen vergleichbar, die durch Volkskrankheiten wie Diabetes oder Herzerkrankungen entstehen.

Informationsbörse Schizophrenie 2007

Zu den Zielsetzungen

Die praxisrelevanten, vernetzten Forschungsprojekte und Maßnahmen der Gesundheitsaufklärung dienen folgenden konkreten Zielsetzungen:

  • Frühentdeckung und -erkennung von Personen mit erhöhtem Schizophrenierisiko
  • Verhinderung von Erstmanifestationen durch psychologische und pharmakologische Frühbehandlung von Risikopersonen
  • Optimierung der Akut-und Langzeitbehandlung erstmals schizophren Erkrankter
  • Rückfallprophylaxe durch verbesserte Rückfallprädiktion und Frühintervention
  • Verbesserte Versorgungsqualität durch Einsatz von evidenzbasierten Leitlinien für die ambulante und stationäre Behandlungspraxis
  • Verhinderung von Chronifizierungen durch gezielte Rehabilitation
  • Erforschung der hirnbiologischen und genetischen Grundlagen der Erkrankung
  • Umsetzung von Ergebnissen der Grundlagenforschung in die Versorgungspraxis
  • Kosten-Nutzen-Analyse innovativer Behandlungsverfahren

aktueller Focus: Psychotherapieforschung 
TONES
-Studie
Negative Symptome stellen ein ernstes und bislang ungelöstes Problem bei der Behandlung von Schizophrenie dar. Die gegenwärtige Situation zeichnet sich durch ein Fehlen erprobter Behandlungsstrategien für negative Symptome aus, obwohl Vorstudien Hinweise auf die Wirksamkeit kognitiv-verhaltenstherapeutischer Behandlung erbracht haben. Das Hauptziel der vorliegenden Studie ist es daher zu untersuchen, ob kognitive Verhaltenstherapie negative Symptome der Schizophrenie wirksam reduziert.

POSITIVE-Studie
Das Kernprojekt widmet sich der zentralen Fragestellung, ob kognitive Verhaltenstherapie (KVT) eine wirkungsvolle und damit indizierte Behandlungsform bei psychotischen Erkrankungen mit ausgeprägter Positivsymptomatik darstellt, d. h. eine signifikante Verminderung von Positivsymptomen wie Wahn und Halluzinationen durch entsprechende Interventionen erreicht werden kann.

Die Beantwortung dieser Frage ist von klinischer Relevanz für die zukünftige Optimierung des Behandlungsangebotes, soll jedoch auch zu einem verbesserten Verständnis psychotischer Erkrankungen beitragen.

Daher werden auch die Wirkfaktoren der KVT und deren Einfluss auf die Positivsymptomatik bei psychotischen Störungen untersucht.

Zudem werden die neuronale Korrelate von Effekten Kognitiver Verhaltenstherapie bei der Behandlung von Positivsymptomen bei psychotischen Störungen evaluiert. Im Einzelnen geht es darum, zu klären:

1) Was sind die neuronalen Korrelate der paranoiden Symptomatik und der damit häufig einhergehenden Phänomene der Attributionsverzerrung (attributional bias) sowie des vorschnellen Schlussfolgerns (jumping to conclusions)?
2) Lassen sich anhand spezifischer bereits vor Therapie bestehender Gehirnaktivierungsmuster Aussagen bezüglich des Behandlungsergebnisses ableiten?
3) Welche Komponenten neuronaler Schaltkreise können potentiell durch KVT verändert werden?
4) Gibt es spezifische Gehirnstrukturen, die speziell mit Wahnsymptomatik assoziiert werden können?

 
Psychologische Interventionen bei kognitiven und emotionalen Defiziten

Bei residualen Verläufen der Schizophrenie kommt es u.a. zu Defiziten im Erkennen und Deuten des mimischen Ausdrucks, was ein erhebliches Problem für die soziale Interaktion darstellt. In der ersten Förderphase des KNS wurde ein Training zur mimischen Affektdekodierung (TAD) entwickelt ud im Folgenden evaluiert, das inzwischen von einer Reihe nationaler und internationaler Forschergruppen verwendet wird. Derzeit wird an forensischen Patienten die mimische Affektdekodierung und TAD als psychologsiche Intervention untersucht. Zudem werden die Generalisierbarkeit und Nachhaltigkeit der positiven Trainingseffekte, also eine signifikant verbesserte Affektdekodierleistung, evaluiert und in anderen Stichproben repliziert.

aktueller Focus: Pharmakogenetik

Ziel der Forschung zur Pharmakogenetik ist es, schon im Voraus vorherzusagen, welcher Patient auf welche Therapie und welches Medikament ansprechen wird, um eine individualisierte Therapie anbieten zu können. Untersuchungen im Rahmen des KNS bringen eine erste Annäherung an das Ziel, wichtige Genvarianten zu identifizieren, die das Ansprechen bestimmter Symptome auf die Behandlung beeinflussen. So konnte für eine bestimmte Genkonstellation gezeigt werden, dass Patienten mit eben dieser bezüglich der Negativsymptomatik ein besseres Ansprechen als die übrigen Patienten zeigten. Bei diesem Gen handelt es  sich um eine wichtigen Rezeptor für Serotonin, einen wichtigen Botenstoff im Gehirn und mitverantwortlich für das Entstehen von Emotionen und Angst- und Glücksgefühlen. Im Hinblick auf die Positivsymptomatik  wurde ein Gen entdeckt, das  das Ansprechen auf die Behandlung beeinflusst. Es handelt sich um das Zink-Finger-Gen ZNF804A, dessen genaue Funktion noch nicht bekannt ist. Die Arbeitsgruppe Pharmakogenetik arbeitet intensiv an der Identifizierung weiterer Gene, die für die Pharmakogenetik eine Rolle spielen.

aktueller Focus: Entstigmatisierung
Die Forschungsgruppe betreibt aktuell Grundlagenforschung, z.B. zu den kommunikationsbezogenen Entstehungsfaktoren sozialer Distanz, und ist als Kooperationszentrum in internationalen Projekten
  • INDIGO (Internationale Studie über Diskriminierung und Folgen von STigmatisierung)
  • ITHACA (Internationale Studie zur Untersuchung der Situation der Menschenrechte und der allgemeinen Gesudnheitsversorgung in Versorgungs- und Betreuungseinrichtungen für psychisch Kranke)
  • ASPEN (Antistigma-Programm: Europäische Netzwerk)

 involviert. Zudem koordiniert die Forschungsgruppe ein internationales Survey-Projekt (gefördert von WPA und DGPPN) "Stigma of psychiatry and psychiatrists: an international control group study". Im Rahmen der Förderung durch das Bundesgesundheitsamts für das nationale Antistigma-Programm des Aktionsbündnisses Seelische Gesundheit erfolgt eine systematische Bestandsaufnahme und Bedarfsanalyse und in der Folge dann die Pilotierung eines bundesweiten Antistigma-Projekts.