Vernetzte Forschung für den Menschen

Das Kompetenznetz Schizophrenie (KNS) wurde von 1999-2011 vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) gefördert. Ziel war es, eine bessere horizontale und vertikale Vernetzung der wesentlichen Einrichtungen zur Erforschung und Routineversorgung der Schizophrenie zu erreichen, um hierauf aufbauend offene Forschungsfragen zu bearbeiten, die Ergebnisse in die klinische Praxis zu transferieren und so die Versorgung und die Lebensqualität schizophren Erkrankter zu verbessern.

Das KNS umfasste etwa 25 inhaltlich, methodisch und organisatorisch eng aufeinander abgestimmte klinische Studien mit hoher Praxisrelevanz, die primär der Entwicklung und Evaluation neuer und bekannter diagnostischer und therapeutischer Ansätze, der Bestandsaufnahme und Verbesserung des Versorgungsgeschehens sowie der Bearbeitung von grundlagenwissenschaftlichen Fragen dienten. Dabei konnten viele substantielle inhaltliche Beiträge zu hochrelevanten Problemstellungen geleistet werden, die zu einer Verbesserung der Versorgung psychisch Kranker führten oder führen werden.

Die Projekte des KNS waren nach inhaltlichen Aspekten in drei Projektverbünde gegliedert und wurden in Kooperation von 19 psychiatrischen Universitätskliniken, 14 Landes- und Bezirkskliniken sowie sechs lokalen Netzwerken psychiatrischer Facharztpraxen aus ganz Deutschland durchgeführt. Die Universitätskliniken Bonn, Düsseldorf, Köln, München und Tübingen sowie das Zentralinstitut für seelische Gesundheit (ZI) Mannheim bilden dabei aufgrund der Teilhabe an tragenden Projekten eine Art „Rückgrat“ des KNS.
Das inhaltliche Hauptziel war die Verbesserung des Krankheitsverlaufs und der Behandlungsergebnisse bei schizophren Erkrankten einschließlich einer Verbesserung von deren Lebensqualität unter Berücksichtigung von Kosten-Nutzen-Aspekten.

Insbesondere wurden erforscht:
• Strategien zur Früherkennung und –behandlung im Hochrisiko- und Prodromalstadium der ersten Episode (Projektverbund 1),
• Optimierungsmöglichkeiten der Akut- und Langzeitbehandlung bei Ersterkrankten und der Rehabilitation von Patienten mit Residualsymptomatik (Projektverbund 2),
• die Versorgungsqualität in Kliniken und Praxen einschließlich der Implementierung von Behandlungsleitlinien in der Versorgung (Projektverbund 2)
• grundlagenorientierte strukturelle und funktionelle Bildgebung und genetische Parameter, um Prädiktoren und Risikofaktoren der Erstmanifestation, von Rückfällen und der individuellen Medikationswirkung zu finden (Projektverbund 3).
Weitere Projekte zur Bekämpfung von Stigma und Diskriminierung, zur Gesundheitsökonomie und zur Weiterentwicklung von Untersuchungs- und Auswertungsmethoden komplettierten das Projektspektrum.

Die Arbeit des KNS wird durch einen Förderverein - PsychoseNetz e.V. - unterstützt.

 

Für die Weiterführung der Forschungsarbeit, sei es zu offenen Fragen aus den initialen Forschungsprojekten, sei es zu anderen - vor allem auch aus Sicht der Betroffenen - wichtigen Aspekten der Erkrankung bemüht sich die Netzwerkzentrale kontinuierlich um Forschungsgelder der DFG, des BMBF und der EU und die Bildung von neuen Konsortien unter Nutzung des bestehenden Netzwerks.
Denn das Förderprogramm „Kompetenznetze in der Medizin“ des BMBF war prinzipiell als eine vorübergehende Anschubfinanzierung mit dem Ziel angelegt, dass sich geförderten Forschungsverbünde mittelfristig selbst weiter finanzieren sollen. Dies ist in Bezug auf die damit verbundene Notwendigkeit einer Aufrechterhaltung und Finanzierung der wissenschaftlicher Tätigkeiten der Verbünde und angesichts der beträchtlichen Kosten klinischer Forschung nur durch die fortlaufende Einwerbung zusätzlicher Fördermittel von den einschlägigen Drittmittelgebern (insbesondere BMBF, Deutsche Forschungsgemeinschaft DFG) möglich. Entsprechend haben sich die Mitglieder des KNS an vielen Fördermittelausschreibungen beteiligt und konnten dabei erfolgreich eine Reihe von Folgeförderungen einwerben, mit denen die weitere Zusammenarbeit von Zentren des KNS (untereinander oder auch mit neu hinzu gekommenen Zentren) im Rahmen von neuen Projekten finanziert werden konnte, wenngleich nicht alle diese Projekte eine formale Bindung an das KNS initiiert haben.

Hervorzuheben ist dabei zum einen die Einwerbung von BMBF-Mitteln für einen weiteren Forschungsverbund zur „Psychotherapie bei psychotischen Symptomen“ mit insgesamt neun Projekten zu klinischen, Grundlagen- und gesundheitsökonomischen Fragestellungen im Bereich persistierender Positivsymptomatik (POSITIVE-Verbund, Sprecher: S. Klingberg, Tübingen) [1].
Zum anderen stechen eine Reihe von multizentrischen klinischen Studien heraus, die im Rahmen des Förderprogramms zu Klinischen Studien des BMBF und der DFG von Mitgliedern und Zentren des KNS durchgeführt wurden oder derzeit noch durchgeführt werden, so zu Frühinterventionsstrategien bei Personen mit erhöhtem Psychoserisiko (PREVENT, Projektleitung: A. Bechdolf, Köln/Berlin) [2], zur Behandlung von Negativsymptomatik mittels kognitiver Verhaltenstherapie (TONES, Projektleitung: S. Klingberg, Tübingen) [3] oder repetitiver transkranieller Magnetstimulation (RESIS, Projektleitung: P. Falkai, Göttingen/LMU München) [4], zur bedarfsorientierten Entlassplanung für Menschen mit hoher Inanspruchnahme des psychiatrischen Versorgungssystems (NODPAM, Projektleitung: T. Becker, Günzburg) [5] oder zur Stärkung von Stigma-Bewältigungs¬kompetenz (STEM, Projektleitung: W. Gaebel, Düsseldorf). Im gleichen Programm gefördert werden zudem drei derzeit noch laufende klinische Studien zum Vergleich medikamentöser Behandlungsstrategien im Hinblick auf den Einsatz von typischen vs. atypischen Antipsychotika (NESSY; Projektleitung: E. Rüther, LMU München), im Hinblick auf den Zeitpunkt einer Medikationsumstellung bei initial unbefriedigendem Behandlungsansprechen (SWITCH, Projektleitung, S. Leucht, TU München) sowie im Hinblick auf die Anwendung einer Monotherapie vs. einer Kombinationsbehandlung (COMBINE, Projektleitung: C. Cordes, Düsseldorf). Darüber hinaus konnten zu wesentlichen Fragestellungen des KNS im Bereich der Früherkennung, der Qualitätssicherung und der Stigmaforschung noch eine Reihe weiterer Folgeprojekte unter Projektleitung und/oder Beteiligung von KNS-Zentren von anderen Drittmittelgebern (u.a. Bundesministerium für Gesundheit und Soziales, EU, Krankenkassen, nationale und internationale Fachgesellschaften) durchgeführt werden. Schließlich gelang in geringerem Umfang auch eine Förderung von drei weiteren Projekten über den vom KNS-Vorstand hierzu gegründeten Förderverein PsychoseNetz e.V..

1. Klingberg S, Wittorf A, Meisner C et al. Cognitive behavioural therapy versus supportive therapy for persistent positive symptoms in psychotic disorders: the POSITIVE Study, a multicenter, prospective, single-blind, randomised controlled clinical trial. Trials; 11: 123,
2. Bechdolf A, Muller H, Stutzer H et al. Rationale and baseline characteristics of PREVENT: a second-generation intervention trial in subjects at-risk (prodromal) of developing first-episode psychosis evaluating cognitive behavior therapy, aripiprazole, and placebo for the prevention of psychosis. Schizophr Bull 2011; 37 Suppl 2: S111-121
3. Klingberg S, Wölwer W, Engel C et al. Negative symptoms of schizophrenia as primary target of cognitive behavioral therapy: results of the randomized clinical TONES study. Schizophr Bull 2011; 37 Suppl 2: S98-110,
4. Cordes J, Falkai P, Guse B et al. Repetitive transcranial magnetic stimulation for the treatment of negative symptoms in residual schizophrenia: rationale and design of a sham-controlled, randomized multicenter study. Eur Arch Psychiatry Clin Neurosci 2009; 259 Suppl 2: S189-197,
5. Puschner B, Steffen S, Volker KA et al. Needs-oriented discharge planning for high utilisers of psychiatric services: multicentre randomised controlled trial. Epidemiol Psychiatr Sci 2011; 20: 181-192,

 
 

Nachwuchsförderung
Zur Nachwuchsförderung wurde vom KNS in Kooperation mit seinem Förderverein PsychoseNetz e.V. im Jahr 2006 erstmals der „Aretaeus-Preis“ ausgeschrieben, der „Nachwuchswissenschaftler für hervorragende wissenschaftliche Leistungen auf dem Gebiet der empirischen Schizophrenieforschung“ mit einem Preisgeld von Euro 5.000 auszeichnen soll.

Die Komplexität psychischer Erkrankungen auf der einen Seite und die zunehmende Spezialisierung der Forschung insbesondere bezüglich komplexer biologischer Methoden auf der anderen Seite führt zu einer zunehmenden Notwendigkeit für inter- und intradisziplinäre Zusammenarbeit in größeren, nicht auf Deutschland beschränkten, Kompetenznetzen. Ein wesentlicher Schritt in diese Richtung ist die vom KNS initiierte und zwischen zeitlich etablierte European Conference on Schizophrenia Research und die Gründung einer Europäischen Schizophrenie-Gesellschaft .

 
 Gründung der European Scientific Association on Schizophrenia and other Psychoses (ESAS)
Um den durch die ECSR angestoßenen Prozess eines intensiveren wissenschaftlichen Austauschs von Europäischen Experten zur Schizophrenie weiter zu fördern und die Forschung zur Schizophrenie und anderen psychotischen Störungen durch zukünftig mögliche gemeinsame Projekte voranzubringen, erfolgte zeitlich angelehnt an die ECSR 2011 auf Initiative des KNS die Gründung einer Europäischen Fachgesellschaft – der „European Scientific Association on Schizophrenia and other Psychoses“ (ESAS). Die ESAS soll sich darüber hinaus speziellen europäischen Themenstellungen zur Schizophrenie widmen (z.B. Harmonisierung von Behandlungsleitlinien, Lernen von Best-Practice-Modellen, Vergleich verschiedener Versorgungsstrukturen etc.), das Wissen über diese Störungen in der Fachgemeinschaft wie auch in der allgemeinen Öffentlichkeit verbreiten und zur Entstigmatisierung psychischer Störungen beitragen. Vor diesem Hintergrund wird eine der Aufgaben der ESAS in den folgenden Jahren auch die Ausrichtung der ECSR in anderen europäischen Städten sein.